Industriegeschichte Küsnacht

Vom Spinnrad zur Stanzmesserfabrik, vom Ochsnerkübeldeckel zum Kronenkorken: Küsnacht hatte eine Industriegeschichte, die kaum jemand kennt — und die das Dorf bis heute prägt.

Die industrielle Entwicklung Küsnachts wurzelt in der ländlichen Heimindustrie des 18. Jahrhunderts. Neben dem dominierenden Weinbau arbeiteten Bauernfamilien als Spinner und Weber von Baumwolle und Seide — ein Verlagssystem, das den Grundstein für spätere Fabrikarbeit legte.

Mit dem Ende des Ancien Régime 1798 fiel der städtische Zunftzwang weg. Die Wasserkraft des Dorfbaches, seit dem Mittelalter für Mühlen und Sägereien genutzt, trieb nun auch mechanische Spinnereien und Schmieden an. Am 14. März 1894 wurde die rechtsufrige Seebahn eröffnet: Der Güterverkehr per Lastschiff verlor seine Bedeutung, Rebbau und ländliche Strukturen wichen einem raschen Bauboom.

Die Industrie wuchs mit der Gemeinde — einzelne Betriebe beschäftigten im 20. Jahrhundert je über 400 Personen; die Turngerätefabrik Alder & Eisenhut und die Metallwarenfabrik Brunschweiler & Cie. im Heslibach je rund 100. Globaler Konkurrenzdruck, hohe Produktionskosten und strenge Umweltauflagen beendeten die Ära der Grossindustrie: Terlinden schloss 1998, die Ernst AG stellte 2007 die Produktion ein. Die Fabrikhallen wurden zu Wohnraum und Dienstleistungszentren — das Terlinden-Areal zum Goldbach Center, das Ernst-Areal zu Büros und Gewerbe, die historische Obermühle zum Ortsmuseum, die Brunschweiler-Fabrik zum Gewerbehaus Küsnacht. Mit der Industrie verschwand das Arbeitermilieu: Gewerkschaften und Arbeitervereine, die einst das soziale Leben prägten, lösten sich auf. Küsnacht hat sich vom Industrie- zum Dienstleistungsstandort gewandelt — die Spuren der produktiven Vergangenheit aber sind in Bauten und im kollektiven Gedächtnis noch ablesbar.

Text: Walther Fuchs, Küsnacht

Industriebetriebe

Terlinden Küsnacht-Goldbach

1868 durch Hermann Hintermeister und Jacob Forster als Handdruckerei gegründet und ab 1878 als erste chemische Waschanstalt der Schweiz geführt. Heinrich Terlinden, der Schwiegersohn Hermann Hintermeisters, übernahm 1898 die Firma, in der täglich von Filialen landesweit Kleidungsstücke angeliefert wurden. Ab 1918 Teppichwäscherei, ab 1924 Färberei und Ausrüsterei für Maschenware. Durch Umnutzung der Industriebrache in ein Büro- und Gewerbegebäude entstand im Jahr 2000 das Goldbachcenter, das ehemalige Kesselhaus auf der Seeseite wurde 2004 zum Bürogebäude umgebaut. Der Hochkamin von 1926 zeugt noch immer vom ehemaligen Industriestandort. Das Unternehmen wird in der 6. Generation geführt.

Text: Barbara Schindler
Bild: Idealisierte Darstellung der Fabrikanlage Terlinden um 1910,
Lithografie von Eckert und Pflug, Leipzig

Metallwarenfabrik A. Brunschweiler & Cie.

Im Heslibach, in der Metallwarenfabrik A. Brunschweiler & Cie., wurden bis ca. 1980 u. a. die Eigenkonstruktion Alpina-Skibindungen, Messgeräte für die Meteorologische Anstalt Zürich, diverse Büromöbel und Ochsnerkübeldeckel hergestellt. Die Firmengeschichte begann unter dem Gründer Alfred Brunschweiler als kleine Ornamentenspenglerei in Zürich. Mit dem Neubau der Fabrik und dem Umzug nach Küsnacht im Jahre 1930, erweiterte die Firma das Angebot massgeblich; es entstanden neue Produkte und zusätzliche Arbeitsplätze. Zweimal, 1958 und 1972, erfolgte eine Erweiterung des Fabrikgebäudes. Bis zum Verkauf der Fabrik im Jahre 1983 leitete Max Brunschweiler die Metallwarenfabrik.

Text: Esther Haltiner
Bild: Die Herstellung der Alpina-Bindungen erforderte eine moderne Einrichtung und geschickte Arbeiter. Firma Brunschweiler & Co., 1959, in Privatbesitz.
 

Firma Ernst + Co. AG

Die Firma Ernst prägte den Industrie­raum am rechten Zürichsee über mehr als 100 Jahre. 1894 in Küsnacht gegründet, entwickelte sich das Familien­unternehmen von einer Imkerei zu einem bedeutenden Her­steller von Ver­packungen und Ver­schlüssen aus Metall und Kunst­stoff mit Stand­orten in Küsnacht und Stäfa. Globalisierung und Struktur­wandel führten ab dem Jahr 2000 zum schritt­weisen Rückzug aus der industriellen Produktion. Die ehemaligen Fabrik­areale wurden erfolg­reich umgenutzt und sind heute wichtige Dienst­leistungs‑, Gewerbe‑ und Arbeits­standorte am rechten Zürichsee.

Text und Bild: Ernst + Co. AG

Weitere Informationen: Ortsmuseum Küsnacht

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