Bild: Richterswil, Kattundruckerei, ETH-Archiv
Die Umweltfrage
Die rasante Industrialisierung der Schweiz im Laufe des 19. Jahrhunderts hat das Land für über ein Jahrhundert geprägt. Die Ressourcen, so schien es, waren unerschöpflich: Land, Holz und Wasser. Der Fortschritt in Gestalt von Fabriken, Eisenbahnen und Gaswerken besetzte die besten Plätze: die Ufer – wie in Thalwil, Horgen, Richterswil, Uetikon. Während die Eichenwälder des Hinterlands sich in Eisenbahnschwellen verwandelten und die übrigen Bäume zur Energiegewinnung verheizt wurden, diente das Wasser der Produktion und der See als Deponie für allerlei Abfälle. Ein Erbe, dem wir heute mit Millionen und Saugrobotern zu Leibe rücken.
Die Sorge und die Sorgfalt, mit der die Gegenwart auf die Umwelt schauen, sind das Ergebnis einer zweihundertjährigen Geschichte. Sie haben viel mit dem Industrieraum Zürichsee zu tun. Die Ansiedlung der Fabriken zwischen Stäfa, Wädenswil und Zürich brachte nicht nur Arbeit für viele und Wohlstand für etliche, sondern auch Ausbeutung, soziale Not (siehe dazu «Die soziale Frage») und Dreck. Die Nebenprodukte der von 1840 bis 1900 blühenden Zürcher Textilindustrie – mit Schwermetallen und Gerbstoffen verschmutzte Abwässer –, die Überreste der Gummiherstellung und der Düngerproduktion, der bei der Papierherstellung anfallende Papierschlamm, das bei der Gaserzeugung aus Koks zurückbleibende Teeröl leitete man einfach vor den Fabriken in den See. Da würde es sich setzen oder verteilen. Und da ruhten die Stoffe denn bis Anfang des 3.Jahrtausends.
Dass uns diese Ruhe heute unheimlich ist, hat seinen Ursprung im selben 19. Jahrhundert. Die Cholera- und Typhusepidemien zwischen 1854 und 1880 zwangen zur Einsicht, dass sauberes Wasser eine unerlässliche Voraussetzung für die Volksgesundheit ist. So verfügte der Regierungsrat des Kantons Zürich 1881 das erste Gesetz gegen die Wasserverschmutzung, mit dem er insbesondere die Einleitung von Industrieabwässern regulierte (zu deutsch: reduzierte, aber nicht untersagte). 1888 wurde in Zürich die Hygienevereinigung gegründet, die sich stark für die Verbesserung des Sanitärwesens einsetzte, und das im europäischen Verbund. Erst 1926 allerdings wurde im Werdhölzli die erste Kläranlage im Kanton Zürich in Betrieb genommen; sie war auf eine mechanische Stufe (Ausscheidung fester Stoffe) beschränkt und hätte mit chemischen Abwässern nichts anzufangen gewusst. Bereits nach einem Jahr musste sie erweitert werden.
Nicht zuletzt die geistige Landesverteidigung verlieh der Diskussion rund um den Schutz der Umwelt nach dem 2. Weltkrieg neuen Schub. Wortführer war der Schweizerische Bund für Naturschutz, der sich gegen die Modernisierung stemmte und den Erhalt einer mythisch reinen Landschaft propagierte. Verschmutztes Wasser diente als Symbol für eine allgemein «ungesunde Gesellschaft».
Die NZZ entwickelte sich zum Sprachrohr der Umweltschützer. So schrieb sie 1960: «Glücklicherweise ist die Erkenntnis, dass es gilt, rasch und wirksam der erschreckend zunehmenden Verschmutzung unserer ober- und unterirdischen Gewässer zu begegnen, aus den Laboratorien der Forscher und den Amtsstuben ins Volk hinausgedrungen, und das Erschrecken über den sich schon deutlich abzeichnenden Sachverhalt hat in den Ratssälen Eingang gefunden.»
Ein immer wirksamerer Wasser- und Umweltschutz schlug sich in laufend aktualisierten Gesetzen auf Bundes- wie Kantonsebene nieder. Heute führt das Amt für Wasser, Abfall, Energie und Luft AWEL des Kantons Zürich einen Kataster belasteter Standorte. Darin sind für das Kantonsgebiet rund 6000 Standorte aufgelistet, die durch Abfalldeponien und Verschmutzungen aus früheren Zeiten gezeichnet sind. Bis 2010 handelte sich ausschliesslich um überirdische. Erst von 2011 bis 2013 und nochmals von 2016 bis 2018 untersuchte der Kanton auch die Zürcher Seen, obwohl oder weil da etliche Altlasten bekannt waren. Das Ergebnis, 2019 präsentiert, zeigte, dass von Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Zürichsee reichlich gesündigt wurde. Aber nur an neun Standorten werden die Grenzwerte heute so überschritten, dass sie saniert werden müssen. Zu den bekannten Thalwil (Gaswerk), Horgen (Papierfabrik), Richterswil (Textildruck und Gummi), Uetikon (Chemie und Dünger) kamen nun Wädenswil (Textil), Käpfnach (Bergwerk und Zement), Männedorf (Gerberei) und Stäfa (Seide) hinzu. Die Mengen an verschmutztem Material sind beachtlich: In Horgen warten 30’000 Kubikmeter Seegrund auf die Bergung, am Horn Richterswil sind es 9’000. Der Thalwiler Teerölteppich war 7’000 Quadratmeter gross.
Einige Schäden wie Thalwil sind behoben, bei anderen ist die Sanierung geplant. In Uetikon ist eine Überschüttung der kritischen Uferzone vorgesehen, gegen die aber Rekurs eingelegt wurde, weil der Seegrund möglicherweise zu wenig stabil sei. So könnte es sein, dass vor der ehemaligen Chemischen dieselben Saugroboter andocken wie am Horn in Richterswil, wo das arsen-, quecksilber- und bleihaltige Material bald aus dem Wasser geholt und gereinigt wird. Ein Verfahren, das sich beim Teeröl vor dem ehemaligen Gaswerk «Bürger» in Thalwil bewährt hat. Die Kosten trägt zum grösseren Teil die Öffentlichkeit, wo noch Folgefirmen existieren, kriegen auch sie eine Rechnung. Umweltschäden verjähren in der Schweiz nicht.
Eine interaktive und sehr informative Timeline, wie die Schweizer, insbesondere die Zürcher, mit dem Wasser seit 1800 umgegangen sind, liefert die Website Wasser-Timeline. Es handelt sich um ein Projekt der Eawag.
Text: Pius Knüsel