Wasserkraft und Natur
in Zürich Hirslanden & Riesbach

Zürich besass mehrere grosse Industriezentren, die nicht direkt am See lagen: die Fabriken in Oerlikon und das Industriequartier Escher-Wyss. Mit See verbunden war der Komplex Zürich-Riesbach. Vom frühen Mittelalter des 10. bis in die Neuzeit des 20. Jahrhunderts wurde der Wehren- und Wildbach (einst Oetenbach genannt) von Wasserrädern genutzt. Zunächst durch Mühlen, Sägereien und Hammerschmieden, ab dem 19. Jahrhundert für die Textilindustrie.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es keine effiziente Alternative zur Wasserkraft. Richtig kanalisiert leistet sie über die Drehbewegungen des Wasserrads mehr als 1 PS, was sieben Menschenstärken entspricht (und kein Pferdefutter brauchte). Die Limmat machte Zürich zum prädestinierten Gewerbestandort. Schon früh diente eine künstliche Abzweigung zwischen Sihl und Limmat, der Sihlkanal (heute Werdmühlestrasse), für zusätzliche Wasserkraftnutzung. Der Wehren- und Wildbach war die zweitwichtigste Wasserkraftachse im heutigen Stadtgebiet Zürich.

Heute werden die idyllischen Bachtobel von der Trichtenhauser Mühle (1417 erstmals belegt) zum Zürichsee als beliebtes Spazier- und Naherholungsgebiet geschätzt. Der Wehrenbach ist seit 2024 ein kostbares Naturschutzgebiet. Der Stöckentobelbach treibt heute weder Schlyfi noch Farbholzmühle an, doch er umspült einen Elefanten. Bei der Burgwies kann die einzigartige Hirslander Mühle besichtigt werden. Der Wildbach zeigt letzte Spuren der Seidenindustrie. Der Hornbach (einst zum Schutz vor Überschwemmungen kanalisiert) wird schrittweise renaturiert.

Wasserkraftnutzung

Hirslander Mühle

Bei der Burgwies war der grösste Gewerbekomplex der Region. Unterhalb der Forchstrasse steht heute noch die Mühle Hirslanden (1393 erstmals belegt, bis 1964 in Betrieb) mit Säge, Lehen- und Knechtenhaus (heute Quartiertreff).

In ihrer Vollständigkeit ist sie ein einzigartiges Beispiel einer originalen Mühle des vorindustriellen Typs. Die wasserbaulichen Anlagen sind vollständig und betriebsfähig erhalten. Das Nutzwasser wird vom Wehrenbach abgezweigt, im gut sichtbaren Blechkanal über den Stöckentobelbach bei der Farbholzmühle hinübergeleitet und zum Wasserrad für den Antrieb der Getreidemühle geführt. Am jährlichen Mühlentag kann die laufende Mühle erlebt werden.

Bild: Hirslander Mühle, links Knechtenhaus und hinter der Tanne das Lehenhaus. Foto: Regula Hug, 2026.

Burgwiesweiher & Mühlen

Zur Hirslander Mühle gehörte im 17. Jahrhundert auch eine «Reibe mit Stampfe und Furnirsäge». Sie war für das Brechen von Flachs sowie Stampfen von Getreide oder Tierknochen zur Düngerherstellung lange Zeit die einzige in Zürich und näherer Umgebung. Ab 1827 produzierte sie als Farbholzmühle Farbstoffe für die Seidenindustrie.

1883 wurde der Mühleweiher Burgwies oberhalb der Forchstrasse angelegt, der damals auch die Neumühle (Schleife, Dreschmaschine, heute Schreinerei) und während des zweiten Weltkriegs das Mikrokraftwerk Umiker antrieb.

Bild: Links oben die Farbholzmühle, links unten der Oberwasserkanal zur Hirslander Mühle (mit Überführung über den Stöckentobelbach), rechts der Wehrenbach. Foto: Daniel Wehrli, 2025.

Obere Hammerschmitte

Der Wildbach fliesst von der Hirslander Mühle weiter zum Mühlebödeli, wo einst das Nutzwasser für den Oberen Kupferhammer abgezweigt wurde. Heute spazieren wir auf diesem ehemaligen Kanal. Die beiden Speicherweiher für den oberen und unteren Hammer sind im Stadelhofer Zehntenplan von 1650 eingetragen, heute jedoch beide überbaut.

1368 wurde die Hammerschmitte eines Meisters Röuchli erwähnt, eine mechanische Kupferhammerschmiede. 1882–1888 wurde sie zur Seidenweberei Hofammann & Vollenweider umgebaut und ab 1919 mit Strom betrieben. Der Kohlenschopf, das Antriebsgebäude, das Wohnhaus und die Shedhalle werden heute vom Verein Drahtzug genutzt.

Bild: Obere Hammerschmitte, links das Wohnhaus, gelb das Kupferhammergebäude und rechts die Sheddachhalle der ehem. Seidenweberei. Foto Regula Hug, 2026.

Untere Hammerschmitte

1498 wird die Untere Hammerschmitte erstmals erwähnt. Ab 1693 wurde sie als Drahtschmiede mit drei Wasserrädern betrieben für den Drahtzug, den Hammer der Schmitte und die Bälge der Feueressen. Die Häusergruppe steht in engem Zusammenhang mit der oberen Hammerschmiede und der Hirslandermühle, die Wasserkraft des Wildbachs wurde somit mehrmals und intensiv genutzt.

Im 19. Jahrhundert wurde die Wasserkraft für Oehle, Stampfe, Schleiferei, Farbholzmühle, Seidenzwirnerei, mechanische Werkstätte, Weberei, Dreherei und Knopfmacherei genutzt. Ab 1921 diente das Wasser zur Kühlung der EWZ-Transformatoren, die 1987 abgebrochen wurden. Heute hört man nur noch das Brummen des EWZ-Unterwerks Drahtzug.

Bild: Drahtzugstrasse mit -weiher (links) und Gebäudeensemble der Unteren Hammerschmitte, rechts die Kirche Neumünster. Foto: Adolf Moser, ca. 1900, Baugeschichtliches Archiv Zürich. 

Seidenzwirnerei Neumünster

Direkt unterhalb der Unteren Hammerschmitte war der nächste Speicher­weiher, der Bederweiher. Auch er ist heute mit Wohn­häusern überbaut.

An der Hammestrasse 18/20 stehen heute noch die Gebäude der Seiden­zwirnerei Neumünster. 1841 leistete die Wasserkraft über 13 PS, was mehrere Wasser­räder erfordert. Das Nutz­wasser wurde nach getaner Arbeit nicht zurück in den Wildbach, sondern in den damals noch offenen Mühlebach zur Stadelhofer Mühle geleitet. Diese wurde 1851 von den Besitzern der Seiden­zwirnerei erworben. Sie legten den Einlauf in den Mühlebach tiefer und legten den äusseren Weiher bei der Hösch­gasse trocken, was ihnen ein höheres Wasser­nutzgefälle ermöglichte. 1914 wurde die Wasserkraft­anlage stillgelegt.

Bild: Die Seidenzwirnerei Neumünster am Wildbach. Foto: Friedrich Ruef-Hirt, 1907, Baugeschichtliches Archiv Zürich.

Stadelhofer Mühle

Die Stadelhofer Mühle mit Hof der Fraumünsterabtei ist bereits 952 belegt. Das Wasser für ihren Antrieb wurde bei der Zolliker­strasse in den Mühlebach­kanal abgezweigt. Zwei Speicher­weiher bei der Höschgasse und der Feldegg­strasse sicherten die regelmässige Wasser­zufuhr. Eine Säge für Lang­hölzer für den Bau der grossen Schiffe für Limmat, Aare und Rhein ist seit dem 15. Jahr­hundert nachgewiesen.

Erst mit den Umw­älzungen der Helvetik 1798 verlor sie ihre Monopol­stellung. 1875 folgte eine Fabrik für Mühlen­bestand­teile, später eine Möbel­fabrik. 1970 wurde das Mühlen- und Wohn­gebäude abgetragen. Der letzte Zeuge dieser 1000-jährigen Geschichte ist die Mühlebach­strasse.

Bild: Mühle Stadelhofen, Mühlebachstrasse 2–6. Foto: Camille Bamert, 1953, Baugeschichtliches Archiv Zürich.

Text: Regula Hug

Quellen: Dieser Beitrag basiert auf der vergriffenen Broschüre Jeden Tropfen für die Wasserkraft. Mühlen und Fabriken am Wild- und Wehrenbach in Zürich von Ivo Pfister (Büro Arias Industrie­archäologie, Winterthur) und Beat Haas (Büro für Archäologie der Stadt Zürich) aus dem Jahr 1996.

Das Büro Arias wurde 1979 von Hans-Peter Bärtschi-Baumann gegründet. Er und seine Frau Sylvia leisteten wertvolle Grundlagenarbeit für die Dokumentation der Schweizer Industriekulturgeschichte. In Daniel Wehrli’s Biografie Hans-Peter Bärtschi. Rebell und Bewahrer, 2025 vom Verlag Hier und Jetzt herausgegeben, erfahren Sie viel Spannendes dazu.

Der Verein Industrie­kultur Wildbach will – zusammen mit den Quartier­vereinen Hirslanden und Riesbach – diesen Wissens­schatz wieder zugänglich machen: mit geführten Spaziergängen und einer Spazier-Faltkarte.

Weitere Informationen: Quartier Riesbach

Wir danken unseren Unterstützer/innen

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